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Chronik der Orgeln

Seifert Orgel - Chronik der Orgeln Über die erste Orgel in St. Gudula ist nur wenig bekannt. Pfarrer Tilmann Bertram Volmary beschreibt in einem Bericht 1661 nach Münster die Zustände seiner durch den dreißigjährigen Krieg und die Nachwirkungen der von 1558 bis 1623 herrschenden Religionswirren stark in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinde. Lediglich von Gehäuseresten auf der Orgelbühne ist die Rede. Woher und von wem diese wohl erste Orgel von St.Gudula stammt, bleibt wohl für immer unbekannt.
1669 erwirbt Pfarrer Volmary eine Orgel, die 1784 wohl im Zuge der Kirchenerweiterung auf die neu errichtete Orgelbühne umgestellt und wahrscheinlich auch aufgrund der erheblich vergrößerten Kirche erweitert wurde.
1874 erhielt die alte Gudulakirche eine neue Orgel mit 22 Registern von dem Telgter Orgelbauer Horstenke zum Preis von 2164 Talern und 50 Pfennig. Sie war in rein mechanischer Bauweise auf Tonkanzelladen erbaut. Nur wenige Jahre später im Jahre 1901 wurde die alte Kirche abgerissen und die neue jetzige St.Gudula Kirche erbaut. Nach dem die Orgel 1898 zunächst in die Notkirche umgestellt worden war, wurde sie von der Firma Franz Breil in die neue Kirche auf die Orgelbühne über dem südöstlichen Eingang neu aufgebaut und dabei auf 28 Register erweitert. Dabei baute Breil neue Kegelladen mit pneumatisch gesteuerten Registerkanzellen ein, während er das Gehäuse, die Pfeifen und das Gebläse der alten Orgel vollständig übernahm: "Die Orgel würde dann in der Weise einen Umbau erfahren, als dieselbe mit neuen Kegelladen versehen wird, einen freistehenden Spieltisch mit seitlicher Aussicht auf Chor und Hauptaltar erhält und statt der Mechanik, die Windladen und Register auf röhrenpneumatische Art mit dem Spieltisch verbunden werde." (Franz Breil in der Offerte vom 18.Mai 1901 an den Kirchenvorstand der kath.Kirchengemeinde St.Gudula)
Orgel von 1669Dieser Umbau von der mechanischen zur pneumatischen Orgel ist typisch für die damalige Zeit. Erst in der Mitte des 20.Jahrhunderts besann man sich wieder auf die viel haltbarere und weniger störanfälligere mechanische Orgel, wie sie heute eigentlich ausschließlich wieder gebaut wird.
Ferner fügte Franz Breil jedem Register eine tiefe Pfeife dazu, so daß der damals gültige Kammerton von a=870 Doppelschwingungen erreicht wurde (also ungefähr einen Halbton tiefer als die alte Orgel).
Während des ersten Weltkrieges mußten die Prospektpfeifen nach einer Verfügung des Kreisausschusses Borken vom 20. Febr. 1917 an die Wehrmacht zu Munitionszwecken abgegeben werden.
1936 wurde die Kirchengemeinde St. Gudula aufgrund eines staatlichen Erlasses dazu verpflichtet, einen Teil ihres Haushaltes als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu investieren. Nachdem die Kirche aus diesem Grund gestrichen worden war, entschloß man sich 1936/37 noch zu einem Orgelumbau. Das Generalvikariat sprach allerdings eher von einem Orgelneubau (s. Gutachten über den Plan zum Umbau der Orgel in der Pfarrkirche zu Rhede vom 24 .Oktober 1936).
Dabei wurde das Pfeifenwerk übernommen und die ebenfalls übernommenen Laden des I. und II. Manuals und des Pedals der alten Orgel elektrifiziert. Das Hauptwerk der alten Orgel blieb beinahe unverändert auch das Hauptwerk der neuen. Die Lade des II.Manuals fand Verwendung im Schwellwerk und wurde durch eine zweite neue Lade ergänzt (jetzt III. Manual). Auch für das Pedal wurden zwei neue Laden (C und Cis-Seite) zu den bereits vorhandenen zwei alten gebaut. Das II. Manual wurde als "Rückpositiv" (es stand allerdings vor dem Schwellwerk zwischen dem Pedal) gestaltet, das IV. Manual als Kronpositiv vor dem Hauptwerk. Die Orgel hatte nunmehr 52 Register und galt neben der Orgel der Basilika in Kevelaer und im Dom in Münster als eine der größten der Region.
Die Rechnung vom 25.9.37 der Firma Breil in Dorsten, die seinerzeit erneut mit den Arbeiten beauftragt wurde, betrug 23.870,-- Reichsmark (RM). Zwei neue Ersatzregister (Geigenprinzipal 8´ und Quintadena 8´ ) zu 570 und 500 RM wurden nachberechnet.
Am Fest Mariä Geburt, den 12. Sep. 1937, wurde die Orgel feierlich eingeweiht. An der Orgel spielte Domorganist Professor Hans Bachem aus Köln, es sang die Gregorius-Chorgemeinde Münster.
Im Gutachten über die neuerbaute Orgel schreibt Professor Bachem:
...Meine Erwartungen bezüglich der mir auf dem Papier bekannten Anlage fand ich auf das schönste bestätigt.......Die Orgel ist in Ordnung und ein herrliches Instrument.
Die Disposition lautete (alte Register kursiv geschrieben):


Disposition
Hauptwerk (I.Man.):

Bordun 16´
Prinzipal 8´
Gamba 8´
Hohlflöte 8´
Gedackt 8´
Oktave 4´
Rohrflöte 4´
Quinte 2 2/3´
Oktave 2´
Mixtur 4-6fach
Kornett 3fach
Trompete 8´


Schwellwerk (III.Man.):

Lieblich Gedackt 16´
Geigend Prinzipal 8´
Salicional 8´
Aeoline 8´
Gedackt 8´
Praestant 4´
Flauto 4´
Waldflöte 2´
Terz 1 3/5´
Nasat 1 1/3´
Zimbell 4-5fach
Trompete 8´
Schalmei 4´

  Rückpositiv (II.Man.):

Prinzipal 8´
Gedackt 8´
Oktave 4´
Koppelflöte 4´
Schweizer Pfeife 2´
Sesquialtera 2fach
Scharff 3fach
Krummhorn 8´
alle Normalkoppeln (ausser IV-II),
zusätzlich ausgebaute Super III und Super III/I,
Tremulant für II. und III. Man.,
zwei freie Kombinationen,
Volles Werk,
Einzelabsteller für Zungen und Mixturen
und Koppeln aus der Walze,
frei einstellbares Automatikpedal für II.-III. Manual, Walze,
Piston für Walze ab, Zungen ab und Manual 16´ab

Kronpositiv (IV.Man.):

Qintaden 8´
Blockflöte 4´
Nasat 2 2/3´
Prinzipal 2´
Sifflöte 1´
Terzian 2fach
Singend Regal 8´

 Pedal:

Prinzipalbass 16´
Offenbass 16´ (aus Violine 16´?)
Subbass 16´
Echobass16´ (Transmission aus III.Man.)
Quintbass 10 2/3´
Prinzipal 8´
Gedacktpommer 8´
Oktave 4´
Rauschpfeife 4fach
Bombarde 32´
Posaune 16´
Trompete 8´
 


Weil die alte Bühne zu wenig Platz bot wurde zum 80-jährigen Bestehen des Kirchenchores St.-Gudula im Jahr 1966 dann auf dessen dringenden Wunsch hin, eine neue Orgelbühne durch den Architekten Diözesanbaumeister Bocklage gebaut. Sie dürfte uns allen noch bestens in Erinnerung sein: Durch ihre Form und das klobige Geländer paßte sie sich nie in die Neugotik der St.-Gudula-Kirche ein. Leider wurde beim Neubau dieser Orgelbühne, die alte neugotische Orgelbühne, wie sie von Hilger Härtel d.j., dem Erbauer der Kirche, selbst entworfen worden war, abgerissen.
Orgel 19021971-74 wurde die Orgel gereinigt und gegen den starken Holzwurmbefall behandelt. Die Lade des Rückpositivs war so stark verwurmt, daß sie als elektrische Schleiflade neu gebaut werden mußte. Zur Verdrossenheit des Kirchenchores wurde das Rückpositiv nun wirklich als Rückpositiv mit eigenem Gehäuse (Lade und Gehäuse komplett aus Spanplatte!) in die Brüstung der Orgelbühne integriert, so daß die freie Sicht zum Altar, für die der Chor sich jahrelang eingesetzt hatte, wiederum verdeckt wurde. Dabei wurde ein Register, ein Dulzian 16´, dem Rückpositiv hinzugefügt. Außerdem wurden die Gebläsemotoren, die bis dahin wegen ihrer großen Geräuschentwicklung im Turm über dem Gewölbe in einer eigenen Windkammer gestanden hatten und die Luft aus dem Turm (im Winter also eiskalte...) ansogen, entfernt und zwei neue in die Orgel integriert. Auch die wohl sehr marode elektrische Versorgung wurde erneuert und vom Turm in die Orgel gesetzt.
Leider wurden die Störungen im Laufe der Jahre immer schlimmer: Der Holzwurm konnte nicht endgültig bekämpft werden, ein Wasserschaden im Turm tat sein übriges, so daß beinahe alle Holzregister beim Abriß 1997 nur noch zu Brennholz taugten. Außerdem war das Material, das den Orgelbauern 1936/37 zur Verfügung gestanden hatte, nicht das beste. Irreparabele Risse in den Kanzellen sorgten für ständige Heuler, die Kontakte im Spieltisch waren verschlissen und brannten immer wieder fest; ein künstlerisches Orgelspiel wurde unmöglich.
In den achtziger Jahren wurde eine grundlegende Reparatur der Orgel in Erwägung gezogen. Doch das rund eine halbe Million teure Angebot der Firma Breil wurde vom Kirchenvorstand abgelehnt, da die Orgel lediglich saniert, in ein Gehäuse gestellt und ein neuer Spieltisch angeschafft werden sollte, klangliche Verbesserungen aber nicht vorgesehen waren.
In den folgenden Jahren waren die finanziellen Mittel der Kirchengemeinde durch verschiedene Maßnahmen, z.B. durch die Neugestaltung des Altarraumes, erschöpft, so daß erst 1991 Ekkehard Stier, der Orgelsachverständige des Bistums Münster, gebeten werden konnte, ein Gutachten über die Orgel zu erstellen. In diesem Gutachten gab er die Empfehlung, das alte Instrument aufzugeben und einen Neubau anzustreben. Am 9. April 1992 beschloß der Kirchenvorstand, den Neubau der Orgel ins Auge zu fassen. Im Sommer wurde ein Dispositionsvorschlag unter Verwendung alter Register und einer mit vollständig neuen Registern erstellt.
1993/94 besuchte der Ausschuß für den Orgelneubau des Kirchenvorstandes mehrere Orgelbauer und ließ sich auch Orgeln dieser Firmen vorführen. Fünf von ihnen wurden schließich aufgrund eines Kirchenvorstandsbeschlusses vom 6. Juni 1994 angeschrieben, um nach den beiden Dispositionsvorschlägen je ein Angebot abzugeben. Die Orgelbauer sollten auch zur Planung der neuen Orgelbühne gehört werden und dazu Vorschläge unterbreiten.
Am 27. April 1995 vergab der KV nach langer und sorgfältiger Beratung unter Mitwirkung von Ekkehard Stier vom Bischöflichen Generalvikariat den Auftrag an die Orgelbaufirma Romanus Seifert und Sohn aus Kevelaer zum Bau einer neuen Orgel. Wiederum in Zusammenarbeit mit Ekkehard Stier und jetzt der Orgelbaufirma Seifert wurde entschieden, welche Register ganz oder teilweise von der alten Orgel übernommen werden sollten. Hierfür kamen zunächst 17 Register in Frage.
In den folgenden zwei Jahren wurden intensive Gespräche mit der Firma Seifert geführt, im Mai 1996 wurde ein Prospektentwurf vorgelegt und beraten. Das Denkmalsamt gab grünes Licht zu diesem Entwurf. Der Architekt Gereon Rasche aus Billerbeck, dessen Vater die Neugestaltung des Altarraumes vorgenommen hatte, wurde beauftragt, eine neue Orgelbühne zu planen, da sich die Idee, die alte Orgelbühne umzugestalten, aus statischen Gründen zerschlagen hatte.
Ende 1996 wurde die endgültige Disposition in Zusammenarbeit mit Franz Peters von der Orgelbaufirma Seifert und dem neuen Kantor der St. Gudula Kirche Stefan Müller festgelegt. Lange überlegungen auch mit verschiedenen Professoren der Folkwang Hochschule in Essen und Wolfgang Seifen, Kantor an der Marien-Basilika in Kevelaer, waren dieser endgültigen Disposition vorausgegangen.
In den Jahren 1996/97 wurden verschiedene Spendenaktionen, unter anderem auch ein Pfarrfest, das von dem neu geründeten Kreis zur Förderung der Kirchenmusik und des Orgelneubaus, vorbereitet wurde, durchgeführt.
Am 13. Januar 1997 wurde mit dem Abbruch der alten Orgel begonnen, gleichzeitig bauten Gemeindemitglieder, vor allem Hermann Klümper, Theo Sonntag, Josef Tüshaus, Jochen Möcklinghoff, Kantor Stefan Müller und Pastor Karl Schüttert aus noch brauchbaren Teilen der alten Orgel die Chororgel, so daß kein Gottesdienst ohne Orgelbegleitung gefeiert werden mußte. Karneval spielten die Reste der alten Orgel auf der Orgelbühne zum allerletzten Mal.
Schließich wurde die alte Orgelbühne durch die Firma Nienhaus und Thielkes durch Zersägen des Stahlbetons abgerissen.
Nach den Sommerferien wurde damit begonnen, die neue Orgelbühne allein mit ehrenamtlichen Helfern und Helferinnen der Kirchengemeinde, vor allem des Kirchenchores, zu bauen: die Bauleitung hatte Bernhard Tüshaus inne, für die Betonarbeiten und die Bewehrung zeichnete Wolfgang Peulers verantwortlich, die Elektroarbeiten wurden durch Ewald Paus erledigt, die Fliesenarbeiten übernahm Clemens Eissing, für das Podest des Chores und andere anfallenden Schreinerarbeiten bei der Einschalung war Heinrich Hünting zuständig und für die mittägliche Verpflegung sorgte Wilhelm Grunden, für Frühstück und Kaffee Frauen des Kirchenchores.
Das Edelstahlgeländer, mit Glas gestrahlt, damit es eine matte Oberfläche erhielt, erstellte Franz Welzel.
Im Februar 1998 wurden die ersten Teile der neuen Orgel geliefert. Nach sechswöchiger Montage wurden über drei Monate für die Intonation verwendet. Bei der Vorintonation im Betrieb in Kevelaer und der Intonation in der Kirche stellte sich heraus, dass fünf der alten Register gar nicht oder teilweise nicht zu gebrauchen waren. Sie wurden von der Firma Seifert gegen neue, bzw. durch Altbestand der Firma ausgewechselt. Am 6.September erfolgte die feierliche Weihe durch Pfarrer Karl Schüttert. Der Kirchenchor sang die Messe solennelle in cis-Moll von Louis Vierne, die Orgel spielte Kantor Stefan Müller. Das erste Konzert spielte am Nachmittag Frau Prof. Sieglinde Ahrens aus Essen.