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Die Seifert Orgel in St. Gudula


Werkaufbau

Hinter den jeweils beiden äußeren Türmen des Prospektes steht das Pedal in C- und Cis-Seite. Im mittleren Feld steht, verdeckt durch die Prospektpfeifen, unten das schwellbare Positiv, darüber das Hauptwerk. Die Lade des großen Schwellwerks steht 2 m erhöht in einem eigenen Gehäuse, von vorn nicht sichtbar, hinter dem Hauptgehäuse. Den rückwärtigen Abschluß der Orgel bildet der Subbaß 32´, der vom hinteren Turmbereich aus quasi als rückwärtiger Prospekt eindrucksvoll zu sehen ist. Wenn wir, wie es der Legende nach üblich war, dem Orgelbauer zu dem regulären Preis noch soviel Wein geben müßten, wie in die größte Pfeife paßt (in diesem Fall in die größte Pfeife des Subbaß 32´, also das tiefste C = C'''), müßten wir ihm ungefähr 430 Liter liefern.

Die Windanlage befindet sich in einer Kammer unter dem Schwellwerk.
Das Prospekt spiegelt also nicht deutlich den Werksaufbau wider wie etwa in der Barockzeit, läßt ihn aber dennoch erahnen. Er läßt jedoch die Idee des klanglichen Konzepts erkennen: Unsere neue Orgel historisiert nicht, sondern verbindet die Erfahrungen der alten Meister mit denen von heute, ist eine Synthese von Altem und Neuem.



Klangliches Konzept

Beim Neubau einer Orgel ist zuerst eine Disposition zu erstellen. Dabei ergibt sich zunächst die Frage nach einem klanglichen Konzept: Soll die Orgel romantisch oder barock klingen, soll es ein historischer Nachbau á la Cavaillé-Coll (1811-1899) sein oder soll es gar eine Kompromiß- bzw. Universalorgel werden, die versucht, Literatur möglichst vieler Epochen darstellbar zu machen. Gerade die letztgenannte Richtung im Orgelbau ist in jüngster Zeit ein wenig verpönt gewesen; haben wir die neobarocken Orgeln der Orgelbewegung mit einigen romantischen Zutaten noch zu gut im Ohr (auch unserer alten Orgel!). Der Trend im Orgelbau geht heute oft zu Stilkopien von großen Meistern, hauptsächlich von dem großen französischen Orgelbaumeister Cavaillé-Coll, oder wenigstens zur "normalen" Barockorgel mit einem großen französischen Schwellwerk mit allen ihm typischen Zungen, egal wie groß die Kirche ist, und wie die Akustik beschaffen ist.
Ich möchte unsere neue Orgel einfach eine moderne, zeitgemäße Orgel nennen, sowohl in Bezug auf ihr äußeres Erscheinungbild, ihrer Technik (Schleiflade, mechanische Spieltraktur, Balanciers, aber elektrische Koppeln und elektronische Setzeranlage usw.) als auch in ihrer klanglichen Gestaltung, die versucht zu ermöglichen, eine möglichst große Bandbreite der Orgelliteratur darzustellen. Und ich denke, dies ist gelungen.
Das Hauptwerk ist als ein "normales" Hauptwerk mit einem klassischen Prinzipalchor auf 16´-Basis aufgebaut. Konzertflöte und Flauto sind beide überblasend. Die Gambe, aus der alten Orgel übernommen und aus Zink, ist ein sehr enges Register mit einem schneidenden Ton. "Streicherbärte" vor dem Labium geben ihrer Ansprache das entscheidende "Zögerliche", lassen sie so an ein Streichinstrument (die Gambe bzw. Viole ist die Vorgängerin der Violine) erinnern. Sie mischt sich selbst mit der sehr weiten Konzertflöte zu einem romantisch weichen Klang und zeichnet durch ihren starken Obertonaufbau in Verbindung mit dem Prinzipal 8´ in den unteren Lagen sehr gut (wichtig vor allem bei Orgelwerken von Max Reger). Selbst die Linie der Mittel- und Baßlage bleibt dadurch transparent. Durch die Subkoppel läßt sich einerseits die manuale 32´-Lage erreichen, andererseits macht sie aus der Trompete 8´und 4´ eine ganze Zungenbatterie 16´, 8´, 8´ und 4´.

Das schwellbare Positiv zeigt zunächst sehr barocke Züge mit seiner Quintade 8´ (ebenfalls alt und unten aus Zink), der Quinte 1 1/3´, dem Sifflet 1´, der Zymbel usw., aber schon dadurch, daß es schwellbar ist, ist es auch romantisch: alle labialen Achtfüße und der Bordun 16´ gemeinsam mit der Klarinette 8´ (durchschlagend!) gezogen, erinnern beinahe schon an alte Sauer- oder Walkerorgeln der Jahrhundertwende. Auch eignet sich dieses Werk durch seine Integration in das Hauptgehäuse besonders gut zur Begleitung von Chören oder Instrumentalgruppen. Der Prinzipalchor reicht lückenlos vom Prinzipal 8´ bis hin zur Mixtur 1 1/3´ und ermöglicht so ein sehr schönes, natürlich sehr viel leiseres Plenum als das des Hauptwerks. Besonders erwähnenswert erscheint mir die Klarinette, die durchschlagend gebaut ist. Diese Bauart- in der Romantik bis auf die Spitze getrieben, dann aber völlig vergessen, weil ihr Klang oft an ein großes Harmonium erinnert- forderte die Firma Killinger heraus: Im Labor wurden Legierungsanalysen durchgeführt und die Firma Hohner, spezialisiert auf durchschlagende Zungen, weil sie im Akkordeon- und -Mundharmonikabau verwendet werden, zu Rate gezogen. Der Unterschied allerdings zwischen der einmal auf eine bestimmte Tonhöhe festgelegten Zunge etwa in einem Akkordeon oder Harmonium und der eines Orgelregisters besteht darin, daß ein solches Zungenregister in der Orgel stimmbar gemacht werden muß, da sich die Labial-Register in ihrer Stimmhaltung anders verhalten als Lingual-Register, also aneinander angepaßt werden müssen. Bei unserer Klarinette handelt es sich um einen historischen Nachbau einer Klarinette aus einer holländischen Orgel der Jahrhundertwende. Ihr Klang beweist, daß sich der Aufwand gelohnt hat.
Das eigentliche Schwellwerk steht klassisch á la Cavaillé-Coll hinter dem Hauptgehäuse und bietet gleich mehrere Besonderheiten: Es besitzt keinen Prinzipal, dafür aber einen Streicherchor vom Salicet 16´, der bis unten hin offen gebaut ist, bis hin zur Streichermixtur, der Harmonia Aethera. Bei geschlossenem Schweller erreicht man mit allen Streichern einen wahrhaft sphärenartigen Klang. Alle Flöten, auch die Quinte und Orgelpfeifendie Terz, sind überblasend gebaut, so wie Cavaillé-Coll es liebte. Somit besitzt das Schwellwerk ein überblasendes Kornett. Des weiteren sind fünf Zungen disponiert: alle in deutscher Bauweise, so die Oboe z.B. mit Drehdeckeln. Fagott 16´, Tuba 8´ und Trompete 4´ verleihen dem Werk Glanz und Kraft, Oboe und Vox humana Poesie und Lyrik.
Das Pedal ist wieder eher klassisch gehalten, mit der Ausnahme, daß ein labialer 32´, nämlich Subbaß 32´, sowie ein lingualer, eine Bombarde 32´, disponiert sind. Auf eine Pedalmixtur wurde zugunsten einer Trompete 4´ verzichtet.
Hervorzuheben ist noch die Tatsache, daß 14 Register aus der alten Orgel übernommen wurden und damit einen gewissen Einfluß auf die Disposition genommen haben. So kommt es etwa zu dem offenen 16´-Streicher im Schwellwerk oder zu der 32´-Zunge im Pedal. Allerdings kann man alte und neue Register dank der hervorragenden Intonation von Andreas Saage und Christoph Stirken nicht mehr voneinander unterscheiden. Besonderen Wert legten die Intonateure auf eine gute Mischbarkeit der einzelnen Register untereinander, ohne daß diese ihren eigenen Charakter verlieren, und auf ein dynamisches Ansteigen der einzelnen Register nach oben hin, so daß man jedes dafür geeignete Register, vor allem die Flöten, mit sich selbst begleiten kann, so wie Cavaillé-Coll es forderte, ohne daß der Baß zu dumpf und dominant wirkt.
Man kann auf dieser Orgel wirklich adäquat Bach wie Reger, Widor oder Messiaen darstellen.




Technische Daten

Unsere neue Orgel besitzt 52 Register verteilt auf drei Manuale und Pedal. Die Spieltraktur ist mechanisch, nur die Zungen des Schwellwerks und der Subbaß 32´ werden elektrisch angesteuert. Die Registratur ist elektrisch. Jedes mechanisch gesteuerte Ventil besitzt ein Balancier, das hilft, den Druckpunkt zu erniedrigen und dadurch eine angenehm leichtgängige Spieltraktur zu schaffen.
Orgelspieltisch3576 Pfeifen verbergen sich im Inneren der Orgel, nur 33 Pfeifen sind im vorderen und 12 im hinteren Prospekt vom Turm aus zu sehen. Die größte Pfeife mißt über 6 m (Überlänge durch Expression), die kleinste nur wenige Millimeter. Die Orgel wiegt insgesamt etwa 1,6 Tonnen. Die Grundfläche beträgt nur etwa 25 m², die Höhe 8,22 m.

Das Gehäuse ist selbsttragend. Es ist, wie auch die Laden, aus Eiche. Die Rückwand ist aus massivem Fichtenholz. Der Wind wird von einem sogenannten Langsamläufer der Firma Laukuff erzeugt und leistet ca. 30 m³ Luft pro min. bei einem Winddruck von 160 mm Wassersäule. Der Winddruck für das Hauptwerk beträgt 95 mm, für das Positiv 85 mm, für das Schwellwerk und das Pedal 110 mm. Die Klarinette 8´ steht auf einer eigenen Kegellade mit 140 mm Winddruck.
Der Strom für die Zugmagneten der Koppelanlage und für die Register-Schleifenzugmagnete wird von einem Gleichrichter mit 120 Ampere bei 24 Volt geliefert.
Die Setzeranlage hat 16 Ebenen (Display 1-16) mit jeweils acht Gruppen (A-H) und acht Speicherplätzen (1-8). Durch einen Schlüsselschalter kann noch einmal die gleiche Speicherkapazität abgerufen werden, so daß insgesamt 2048 Speicherplätze zur Verfügung stehen.

Positiv und Schwellwerk, das allein schon eine 16 qm große Schwellfläche hat, stehen jeweils in einem geschlossenen Schwellwerk mit doppelten Holzwänden.
Das Registercrescendo, das vom Spieltisch frei programmierbar ist, wird über einen Schwelltritt neben dem des Positivs und des Schwellwerks bedient.




Chronik der Orgeln

Über die erste Orgel in St. Gudula ist nur wenig bekannt. Pfarrer Tilmann Bertram Volmary beschreibt in einem Bericht 1661 nach Münster die Zustände seiner durch den dreißigjährigen Krieg und die Nachwirkungen der von 1558 bis 1623 herrschenden Religionswirren stark in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinde. Lediglich von Gehäuseresten auf der Orgelbühne ist die Rede. Woher und von wem diese wohl erste Orgel von St.Gudula stammt, bleibt wohl für immer unbekannt.

Orgel von 16691669 erwirbt Pfarrer Volmary eine Orgel, die 1784 wohl im Zuge der Kirchenerweiterung auf die neu errichtete Orgelbühne umgestellt und wahrscheinlich auch aufgrund der erheblich vergrößerten Kirche erweitert wurde.

1874 erhielt die alte Gudulakirche eine neue Orgel mit 22 Registern von dem Telgter Orgelbauer Horstenke zum Preis von 2164 Talern und 50 Pfennig. Sie war in rein mechanischer Bauweise auf Tonkanzelladen erbaut. Nur wenige Jahre später im Jahre 1901 wurde die alte Kirche abgerissen und die neue jetzige St.Gudula Kirche erbaut. Nach dem die Orgel 1898 zunächst in die Notkirche umgestellt worden war, wurde sie von der Firma Franz Breil in die neue Kirche auf die Orgelbühne über dem südöstlichen Eingang neu aufgebaut und dabei auf 28 Register erweitert. Dabei baute Breil neue Kegelladen mit pneumatisch gesteuerten Registerkanzellen ein, während er das Gehäuse, die Pfeifen und das Gebläse der alten Orgel vollständig übernahm: "Die Orgel würde dann in der Weise einen Umbau erfahren, als dieselbe mit neuen Kegelladen versehen wird, einen freistehenden Spieltisch mit seitlicher Aussicht auf Chor und Hauptaltar erhält und statt der Mechanik, die Windladen und Register auf röhrenpneumatische Art mit dem Spieltisch verbunden werde." (Franz Breil in der Offerte vom 18.Mai 1901 an den Kirchenvorstand der kath.Kirchengemeinde St.Gudula)

Dieser Umbau von der mechanischen zur pneumatischen Orgel ist typisch für die damalige Zeit. Erst in der Mitte des 20.Jahrhunderts besann man sich wieder auf die viel haltbarere und weniger störanfälligere mechanische Orgel, wie sie heute eigentlich ausschließlich wieder gebaut wird.

Ferner fügte Franz Breil jedem Register eine tiefe Pfeife dazu, so daß der damals gültige Kammerton von a=870 Doppelschwingungen erreicht wurde (also ungefähr einen Halbton tiefer als die alte Orgel).

Orgel 1902 Während des ersten Weltkrieges mußten die Prospektpfeifen nach einer Verfügung des Kreisausschusses Borken vom 20. Febr. 1917 an die Wehrmacht zu Munitionszwecken abgegeben werden.

1936 wurde die Kirchengemeinde St. Gudula aufgrund eines staatlichen Erlasses dazu verpflichtet, einen Teil ihres Haushaltes als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu investieren. Nachdem die Kirche aus diesem Grund gestrichen worden war, entschloß man sich 1936/37 noch zu einem Orgelumbau. Das Generalvikariat sprach allerdings eher von einem Orgelneubau (s. Gutachten über den Plan zum Umbau der Orgel in der Pfarrkirche zu Rhede vom 24 .Oktober 1936).

Dabei wurde das Pfeifenwerk übernommen und die ebenfalls übernommenen Laden des I. und II. Manuals und des Pedals der alten Orgel elektrifiziert. Das Hauptwerk der alten Orgel blieb beinahe unverändert auch das Hauptwerk der neuen. Die Lade des II.Manuals fand Verwendung im Schwellwerk und wurde durch eine zweite neue Lade ergänzt (jetzt III. Manual). Auch für das Pedal wurden zwei neue Laden (C und Cis-Seite) zu den bereits vorhandenen zwei alten gebaut. Das II. Manual wurde als "Rückpositiv" (es stand allerdings vor dem Schwellwerk zwischen dem Pedal) gestaltet, das IV. Manual als Kronpositiv vor dem Hauptwerk. Die Orgel hatte nunmehr 52 Register und galt neben der Orgel der Basilika in Kevelaer und im Dom in Münster als eine der größten der Region.

Die Rechnung vom 25.9.37 der Firma Breil in Dorsten, die seinerzeit erneut mit den Arbeiten beauftragt wurde, betrug 23.870,-- Reichsmark (RM). Zwei neue Ersatzregister (Geigenprinzipal 8´ und Quintadena 8´ ) zu 570 und 500 RM wurden nachberechnet.

Am Fest Mariä Geburt, den 12. Sep. 1937, wurde die Orgel feierlich eingeweiht. An der Orgel spielte Domorganist Professor Hans Bachem aus Köln, es sang die Gregorius-Chorgemeinde Münster.

Im Gutachten über die neuerbaute Orgel schreibt Professor Bachem:

...Meine Erwartungen bezüglich der mir auf dem Papier bekannten Anlage fand ich auf das schönste bestätigt.......Die Orgel ist in Ordnung und ein herrliches Instrument.